
In den Treppenhäusern
... ist Sichtbeton bevorzugtes Gestaltungsmittel. Foto: Eugeni Pons, Lloret, ES

Schlicht, aber selbstbewusst
... präsentiert sich der neue Theaterbau inmitten des Stadtzentrums. Foto: Eugeni Pons, Lloret, ES

Im Foyer
... erhält der Besucher einen ersten Eindruck von der inneren Komplexität des Gebäudes. Foto: Eugeni Pons, Lloret, ES

Klare Flächen
... und vielschichtige Formen. Foto: Eugeni Pons, Lloret, ES
Die französische Gemeinde Freyming-Merlebach in der Region Grand Est blickt auf eine bedeutende industrielle Vergangenheit. Sorgte der Steinkohlebergbau in seiner Hochzeit für einen rasanten Aufschwung der Stadt, nahm die Arbeitslosigkeit mit der Schließung der Minen in den 1990er-Jahren in diesem Teil Nordostfrankreichs stark zu. Um die damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten aufzufangen und die strukturschwache Region wiederzubeleben, werden verschiedene Lösungsansätze verfolgt. Einer davon ist die Förderung der Kultur. Auch das nach dem Komponisten Théodore Gouvy benannte Theaterhaus soll neben kulturellen Interessen auch der Erneuerung und Wiederbelebung der Gemeinde dienen.
In diesem Zuge wurde das alte historische Auditorium mit seinen 500 Sitzplätzen durch das von dominique coulon & associés geplante Théodore Gouvy Theater ersetzt. Der Vorgängerbau war nicht nur zu klein geworden, sondern aufgrund der stillgelegten Bergwerksschächte und -tunnel von unzähligen Rissen durchzogen und vom Verfall bedroht. Das neue Theaterhaus steht nun in exponierter Lage im Herzen der Stadt, als Symbol für die Wiederbelebung der Gemeinde.
Auf einem annähernd dreieckigen Grundstück zwischen Rathaus und Shoppingmall schufen die Architekten einen außergewöhnlichen Kulturbau, der schon von außen durch sein skulpturales und ganz in Weiß gehaltenes Erscheinungsbild auffällt. Erreicht wurde dieser Eindruck mit einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade (StoVentec R), die komplett weiß verputzt wurde.
Mit seiner ungewöhnlichen Form steht das Theater selbstbewusst im Stadtzentrum, passt sich gleichzeitig jedoch dem kleinteiligen Maßstab der heterogenen Nachbarschaft an. Die wenigen großen Öffnungen und die Höhenentwicklung der Kubatur schaffen geschickte Bezüge zur Umgebung und lassen den Bau je nach Blickwinkel völlig anders erscheinen. Die nördliche Fassade ist geprägt durch eine weite Glasfront im Erdgeschoss, die den Eingang beherbergt, sowie ein großes Panoramafenster im Obergeschoss, das den Abschluss eines über den Eingangsbereich auskragenden Baukörpers bildet.
Die komplexe Geometrie des Äußeren wird im Innern des Gebäudes fortgeführt: Ein großer, skulptural anmutender Luftraum im Foyer verbindet die Stockwerke miteinander, erzeugt spannende Blickbeziehungen und sorgt für eine natürliche Belichtung. Die geschickte Anordnung und Verflechtung von Treppen und Galerien schafft ein eindrucksvolles Raumgefüge, dessen dynamische Inszenierung durch die Veränderung von Licht und Schatten im Laufe eines Tages zusätzlich unterstrichen wird. Entlang von vollkommen klar gestalteten Formen und Linien wird der Besucher zum Herzstück des Baus geleitet: dem Auditorium mit insgesamt 700 Sitzplätzen.
Im Gegensatz zu den dezenten Beigetönen und groben Sichtbetonflächen im übrigen Theaterbau, wird der Aufführungssaal von einer intensiven Farbgebung in satten Rot-, Orange- und Pinktönen dominiert, die in absolutem Kontrast zur sonstigen Zurückhaltung stehen. Auch hier zeigt sich der skulpturale Charakter des Gebäudes: Die plastisch ausgeformten Wand- und Deckenflächen des Auditoriums wirken wie gefaltet; eine kantige Galerie fasst den hinteren und seitlichen Teil des zentralen, nach oben ansteigenden Zuschauerbereichs ein und überragt diesen teilweise mit klar gestaffelten Rängen. Dem gegenüber befindet sich die unaufdringlich in Schwarz gehaltene Bühne, die den Akteuren den nötigen Raum bietet. Die notwendige Technik und Beleuchtung verschwindet geschickt in den Nahtstellen der einzelnen Gestaltungselemente.